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Barbarafeier zwischen Tradition und Moderne

Barbarafeier zwischen Tradition und Moderne

7 Minuten Lesezeit (1404 Worte)

Böller Anfang Dezember? Etwas irritiert bis hin zu einem leichten Erschrecken reagierten die Verkehrsteilnehmer, als es plötzlich in der Ortsmitte von Bodenwöhr mehrmals krachte. Grund dafür ist eine lange währende Tradition der Feier des Patroziniums: Die Feier zu Ehren Sankt Barbara.

Einige Zeit war sie verschüttet, diese Tradition, denn der Bergbau ist vor 140 Jahren zu Ende gegangen, das Hüttenwerk wurde vor 46 Jahren geschlossen. Doch seit 2012 lässt der Kulturverein „Ring der Eisenzeit“ mit einer Feier mit hohem Unterhaltungswert alte Sitten und Gebräuche wiederaufleben. Die Kirchenglocken der Pfarrkirche St. Barbara riefen die Gläubigen zum Patroziniums-Gottesdienst, den Pfarrer Johann Trescher zelebrierte. Der Kirchenchor unter Leitung von Eva Blommer unterstrich mit seinen Beiträgen die Bedeutung dieser heiligen Messe. Leicht zu nieseln hatte es begonnen, als sich die Sollbacher Böllerschützen auf dem Rathausplatz beim hellerleuchteten Christbaum postierten, um zu Ehren der Berg-, Hüttenwerks- und Schützen-Patronin Salut zu schießen. Danach hatten es die meisten der Zuschauer eilig, ins warme Pfarrheim zu kommen.

Die Sollbacher Böllerschützen

Ein Teller heiße Gulaschsuppe mit Brot kam da sehr gelegen, und in Gesellschaft schmeckte es umso besser. Etwa 70 bis 80 Personen hatten sich dazu an den Tischen niedergelassen. „Stammgäste“ waren dem Vernehmen schon gespannt, was sich das Organisationsteam rund um den zweiten Vorsitzenden des „Ring der Eisenzeit“, Franz Singerer, wieder einfallen hat lassen. Dieser fungierte als Moderator des Abends, kündete die Beiträge an. Die Kistl-Musikanten aus Pfreimd waren erneut mit von der Partie, die zünftig aufspielten. Zweiter Bürgermeister Albert Krieger sagte, er sei froh, dass es diese Barbara-Feier gebe, diese sowie die weiteren vielen Aktivitäten des „Ring der Eisenzeit“ eine Brücke zur Historie dieses Ortes schlagen. Nachdenkliches servierte Marlene Wagner-Müller mit einer Geschichte von Heinrich Böll, des „Monolog eines Kellners“, der sich nie etwas zuschulden kommen hatte lassen, seinen Job sehr gut gemeistert habe, auch an diesem Heiligen Abend, der ihm die Kündigung bescheren sollte. Eine Kuhle im Parkettboden wurde der Mutter des kleinen Jungen, der ihn dazu veranlasst hatte, zum Verhängnis, die stolperte und sich den Fuß gebrochen hatte. Oskar Duschinger las aus seinem Buch „Hüttenwerk und Hammersee“ eine Geschichte vom Christbaumholen vor, einer Erinnerung vom „Drehorgel-Schorsch“, Georg Ellert. Viel Schnee hatte es damals gegeben und daheim war es nach dem Holen des „schönen Bäumchens“ wieder gemütlich, bei Tee und Presssack.

Marlene Wagner-Müller

Und dann war es soweit: Die Heilige Barbara (Ingrid Schieder) erschien, um Rückblick auf das vergangene Jahr zu halten. Freilich aus ihrer Sicht, und ihre „lieben Hüttenwerks-Abkömmlinge“ auf so manches Ereignis hinzuweisen, an dem einige von ihnen einen gewissen Anteil hatten. „Da hat einer aus Versehen bei den Barbarazweigen Tollkirschen erwischt und an alle verteilt“, mutmaßte sie angesichts der Ereignisse. Die Neumeier Rosa beispielsweise hat bei der Adventfeier der kirchlichen Vereine fleißig Punsch serviert, „vermeintlich ohne Alkohol“. Doch ein dem Genuss stark zugeneigtes Gemeindeoberhaupt ging der Sache auf den Grund und wusste bald, dass sich so ein hervorragender Trunk mit ordentlich Rum und Rotwein mixen ließ. Pfarrer Johann Trescher überkam die Erleuchtung durch den heiligen Geist noch rechtzeitig, als er am Weißen Sonntag seine zahlreichen ihm in Obhut gegebenen Gotteshäuser verwechselt und vor der falschen Kirche in Neuenschwand gestanden ist. Der Gottesdienst in Blechhammer begann trotzdem pünktlich. Manch einer seiner männlichen Schäfchen geht dafür auf Nummer sicher und statt in die Kirche lieber ins Wirtshaus. „Was wird jetzt aus dem alten Hüttenwerkswirtshaus? Dem heiligen Petrus dröhnen schon die Ohren angesichts der frommen Wünsche wohlmeinender Investoren, die mit dem Haus von 1697 auch noch die letzten Wahrzeichen der alten Hüttenwerkszeit für ihre neumodernen Pläne opfern wollen. Altenheim oder Rathaus - der Unterschied liegt hierbei lediglich im Pflegegrad -, was ist da alles an Plänen auf den Tisch gekommen? Nur liebe Bodenwöhrer, merkt Euch meine Worte: Wer seine Seele für 30 Silberlinge verkauft, macht immer ein schlechtes Geschäft. Darum hat der liebe Gott wohl ein Einsehen gehabt und einen göttlichen Boten herab gesandt: gemeint ist nicht der Engel Aloisius, obwohl es diesen Berufs-Querulanten gerade auch bei Euch hier unten gibt - den schimpfenden Engel Aloisius in Eurem Gemeinderat - nein, es war wohl ein sanftmütiger und liebenswürdiger Götterbote, der den entscheidenden Köpfen von Bodenwöhr etwas zugeraunt hat und so soll es wohl stehen bleiben, Euer altes Hüttenwerkswirtshaus“, wusste die Heilige. Schon seit bald 260 Jahren wacht „mein Kollege Johannes Nepomuk“ über den Weiherdamm. Weil dem Stabl-Bürgermeister in seiner Not nix Besseres mehr eingefallen ist und weder die Schwandner Bauern noch der Angelverein bereit sind, ihm im Kampf gegen die Algen zu helfen, hat er den Heiligen so drehen lassen, dass er gütig auf den See hinausschaut. „Mein lieber Richard: dafür sind wir Heiligen fei nicht da, dass wir Euren See saubermachen. Da schau lieber, dass Du die Odel-Könige und die Waller-Dompteure an die Kandare nimmst!“, so die Heilige.

Mit dem Johannes Nepomuk habe es noch die eine oder andere weitere Bewandtnis in Bodenwöhr. „Nix sagen“, das sei die Urtugend der Bodenwöhrer, das gelte aber auch für Schwandner wie den Krieger Albert. Der zornige Feldmeier Aloisius habe sich neulich wieder furchtbar aufregen müssen, weil der Krieger dem Gemeinderat nix gesagt hatte über die Verhandlungen mit der Brauerei betreff Erweiterung in der Ludwigsheide. „Aber schon der Heilige Johannes wollte lieber in der Moldau ertrinken, als den Mund aufmachen. Kein Wunder: In der Moldau gab es schließlich keine Blaualgen damals. Am Hammersee heute hätte der Heilige sein Gelübde wohl gebrochen. Weil gegen das Weiherwasser zur Algenblüte das Waterboarding ein Kindergeburtstag ist.“

Oskar Duschinger

Nach diesem tapferen Heiligen sei auch Pfarrer Trescher getauft worden, stolz habe er die Kirchenführerin in Mallersdorf beim Pfarreiausflug hingewiesen. Die habe das aber in den falschen Hals bekommen und den Hochwürden Trescher ganz erstaunt gefragt: „Sie heißen Nepomuk?“ Marlene Wagner-Müller habe eine super erste Regie-Arbeit in Bodenwöhr abgeliefert. Die Bodenwöhrer Kinder hatten wieder gezeigt, dass ihnen das Theaterspielen im Blut liegt. Auch wenn kleine Pannen passierten - zum Beispiel, wenn der Zeno als Kastanienverkäufer laut und präsent die Bühne stürmt „heiße Maroni, heiße Maroni“ rufend - nur um festzustellen, dass er die Maroni im Zelt vergessen hatte. Macht nix - ein guter Schauspieler kommt ohne Requisiten aus. Und bei der Hitze hätte er sowieso keine heißen Maroni verkauft, so die Sprecherin.

Ingrid Schieder

Apropos: Von wegen Maroni, die Zimmer Inge habe beim Pfarrausflug nach Mallersdorf so viel Hunger leiden müssen, wie einst der Heiland, als er 40 Tage in der Wüste fastete. Der Biergarten in Aufhausen sei nicht bewirtschaftet worden, die Kuchenvorräte waren mittlerweile vernichtet worden, die Inge habe sich einen gebackenen Camembert bestellt, der kam dann auch, blass, kalt und hart. „Die Kellnerin nahm die Beschwerde freundlich auf, nahm den kühlen Brocken mit in die Küche, hauchte ihm liebevoll Wärme ein und brachte ihn wieder zurück - diesmal blieb Inges Messer darin stecken.“ In ihrer Not wollte sie nun statt des gebackenen Camemberts einen Obatzden - woraufhin ihr die Kellnerin ihren alten Bekannten, Monsieur Camembert, alsbald ein drittes Mal auf den Tisch brachte, diesmal zuvor durch den Mixer gehäckselt, dafür aber mit Salzstangerln oben drauf. Die hat sie dann mit Lust gegessen, die Inge. Über das Essen sei auch der Lutter Matthias zu seiner Berufung gekommen. „Mit dem Matthias könntest Du einen kleinen Lastenausgleich machen, Bruder Johannes, dann wärt ihr beide von akzeptabler Statur“, meinte die Heilige. „Beim Schirmherrnbitten voriges Jahr im Finanzministerium bei Staatssekretär Füracker hat sich der Matthias jedenfalls mal so richtig satt gefuttert, weil die Nürnberger Bratwürste genau sein Ding waren. Das Erlebnis hat ihn entscheidend beeinflusst. Nach der Schule hat er sich gleich auf der Hochschule für Finanzen eingeschrieben.“ 

Im Leben sei alles eine Frage der Motivation. Die Blommer Eva probiert´s nicht mit Bratwürsten oder Obatzden, sondern mit Lob beim Kirchenchor. „Der Alt hat fleißig beim Sopran mitgesungen“, sagt sie, „dann freuen sich alle und versprechen fest, es wieder zu tun. Manchmal strengen sich die Damen und Herren des Chores aber auch doppelt an, dann schallt es der Eva acht- statt vierstimmig entgegen. Der Hochwürden Trescher mag das gar nicht so gern, schließlich kann er die Kirche nicht schon wieder renovieren lassen, wenn es seine Trompeten von Jericho übertreiben“, weiß die Heilige Barbara. „Rückt näher zusammen und hört auf das Klavier“, rät dann Eva Blommer. Den Höfler Sepp forderte sie unlängst freundlich auf, näher an den Alt heran zu rücken, um die Damen mit seinem kräftigen Bass zu unterstützen. Sepp tat es brav, nicht ohne aber klarzustellen: „Ich bin NICHT rosa!“ Für alle Beiträge gab es reichlich Applaus. Man blieb noch eine Weile sitzen, bis man sich gut gelaunt auf den Heimweg machte.

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