Gymnasiallehrer fordern mehr Deutschunterricht

Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands, Max Schmidt, hat im Gespräch mit dem Präsidenten des Bayerischen Gemeindetages Dr. Uwe Brandl auf die zunehmende Verschlechterung der schriftlichen und mündlichen Ausdrucksfähigkeit von Schülern hingewiesen und in diesem Zusammenhang mehr Deutschunterricht an den Gymnasien gefordert. Schmidt und Brandl trafen sich im Februar zum Gedankenaustausch; dabei wurden neben weiteren die Themen Digitalisierung, SMS-Sprache, Asyl, Turnhallenbelegung durch Flüchtlinge angesprochen. Unsere Redaktion war exklusiv dabei und hat die wesentlichen Schwerpunkte festgehalten.

DEUTSCHKENNTNISSE WERDEN SCHLECHTER

Besonders intensiv beschäftigt sich der bpv derzeit mit der Flüchtlingsthematik. Allerdings: Die in diesem Zusammenhang diskutierte Frage der Deutschkenntnisse will der Verband nicht auf die jetzt kommenden Schutzsuchenden verkürzen. Nachdem der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund auch an den Gymnasien seit Jahren kontinuierlich steigt und viele Lehrer auch einheimischen Schülern konstatieren, dass die schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeit verloren geht, plädiert der bpv seit Jahren für mehr Deutschlehrer und mehr Deutschunterricht – auch an den Gymnasien, die teilweise nur noch drei Stunden dazu im wöchentlichen Stundenplan haben. Schmidt: „Die SMS-Kurzsprache ist ein Fluch. Viele sind nicht mehr in der Lage, einen ganzen Satz zu bilden.“

MEHR LEHRER UND MEHR SPRACHUNTERRICHT

Bemerkenswert ist nach Meinung des bpv, dass es oftmals Kinder von Flüchtlingen sind, die heute besser deutsch sprechen als manche Kinder deutscher Eltern. Schmidt hofft darauf, dass der (Frei-)Staat handelt: „Die Gelegenheit dazu wäre da angesichts eines großen Angebots an jungen, sehr gut ausgebildeten Deutschlehrkräften, die händeringend nach einer Möglichkeit suchen, in ihrem lange erlernten Beruf auch arbeiten zu können.“ Schmidt weiter: „Der Freistaat müsste sich halt einen Ruck geben und diesen jungen Leuten nicht nur an den Mittelschulen Einstellungsangebote machen, sondern ihnen als vorausschauend planender Dienstherr auch an den Gymnasien Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen.“ Ob nun G8 oder G9 – das Thema ist ohnehin von der Bildfläche verschwunden, obgleich manche Bundesländer inzwischen wieder auf das G9 umgeschaltet haben -, wichtig ist für den Verband „eine stärkere sprachliche Betreuung aller.“

TURNHALLENBELEGUNGEN UND WOHNRAUMSUCHE

Das Thema Asyl und die Folgen nahm breiten Raum ein – die Turnhallenbelegung ist für den Gemeindetagspräsident „ein vermeidbarer Sonderfall“, der mit vorausschauender Planung hätte vermieden werden können. Auf Bundesebene hätte es aber keinen Plan gegeben, die Herausforderungen seien an die Kommunen durchgereicht worden. Und da, vor Ort, tue sich nun das nächste Problem auf – anerkannte Flüchtlinge suchen Wohnraum, sind kraft Gesetz ab dem Tag der Anerkennung „Fehlbeleger“ in den Erstunterkünften. Dann suchen sie eine Bleibe – und finden die genauso schwer wie alle, die derzeit auf Suche nach günstigem Wohnraum sind.

STEIGENDER BETREUUNGSBEDARF

Problematisch ist für die Kommunen ebenfalls die Aufgabe, dass Kinder unter sechs Jahren einen sofortigen Betreuungsanspruch haben – problematisch deshalb, weil die Kommune, die die Betreuungsplätze vorhalten muss, nicht weiß, „wie lange die Leute überhaupt bleiben“, so Brandl. „Da muss manche Gemeinde eine Luftkulisse planen.“ Ähnlich sei das im Schulbereich – niemand weiß, wie sich die Flüchtlinge in Deutschland verteilen. „Wir werden Szenarien entwerfen müssen, von denen wir nicht wissen, ob sie zutreffen.“

Dazu kommt ein ständig steigender Betreuungsbereich, ganz allgemein: „Frauen wollen heute mehr Freiheit“, so Schmidt, „das Geld wird auch gebraucht, und so erhöht sich der Betreuungsbedarf:“ Brandl kann das in seiner Stadt schon seit Jahren sehen – es sind nicht unbedingt mehr Kinder, die in die Kindergärten oder in die Schulen gehen – aber sie sind länger da. Mittelfristig hat man sich in Abensberg mit mobilen Anbauten geholfen, allerdings folgen alsbald echte Erweiterungsbauten.

DIGITALES LERNEN – WIE VIEL IST SINNVOLL?

Whiteboards, Laptops, iPads – ganz klar ist noch nicht, was sich an deutschen Schulen durchsetzen wird. Welche Software, welche Hardware wird zum Einsatz kommen? Brandl ist ein Fan von Komplettlösungen und sieht Angebote ganz vorne, die sowohl den Lehrer als auch den Schüler im Blick haben. Überraschend ist seine Beobachtung, dass Kinder mit einem iPad „Bock“ haben, Hausaufgaben zu erledigen. „Das Ding ist cool und man weiß gleich, ob man richtig liegt.“ Auch Schmidt ist „beeindruckt von den Möglichkeiten“, schränkt aber ein: „Wo ist der Einsatz sinnvoll?“ Das Thema wird als Kostenfaktor auf die Städte und Gemeinden zukommen. Aber woher kommt das Geld?

„AUSKLINKEN“ DES STAATS BEFÜRCHTET

Da hatte Brandl keine besonders positive Einschätzung: „Der Staat wird sich aus vielen Bereichen ausklinken“, so seine nüchterne Einschätzung. Er sieht bereits jetzt das Einfrieren mancher Fördertöpfe. Brandl: „Wenn Dinge auch anders funktionieren, wird sich der Staat weiter zurückziehen.“ Auch für Schmidt keine gute Aussicht – sieht er doch „die gymnasiale Abschlussqualität am Boden. Wir müssen den Schülern wieder mehr bieten – Theater, Sprache, Musik!“


 

Der Bayerische Philologenverband (resp. seine Vorgängerorganisation) wurde im Jahr 1863 gegründet. Heute zählt er ca. 25.000 Mitglieder (Tendenz weiter steigend), vor allem aus dem Bereich der Gymnasiallehrerschaft. Als Berufsvertretung vertritt er die Interessen von Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrern, die an Gymnasien, Beruflichen Oberschulen (=Fachober- und Berufsoberschulen), Hochschulen und Universitäten tätig sind. Traditionell kümmert sich der bpv aber nicht allein um berufspolitische Belange, die Bildungspolitik steht seit jeher genauso im Fokus seiner Arbeit. Berührungspunkte zur Kommunalpolitik ergeben sich vielfältig, da Städte und Gemeinden Sachaufwandsträger sind. Der Bayerische Gemeindetag vertritt die Interessen von 2026 der insgesamt 2031 kreisangehörigen Gemeinden, Märkte und Städte sowie aller 313 Verwaltungsgemeinschaften Bayerns gegenüber der Staatsregierung und dem Landtag. Dr. Uwe Brandl ist als Gemeindetagspräsident bundesweit in die Schlagzeilen geraten, nachdem er massive Kritik an der abwartenden Haltung der Bundesregierung angesichts der Flüchtlingszahlen geübt hatte. Brandl ist Erster Bürgermeister der Stadt Abensberg im Landkreis Kelheim.