_MG_3666 Hans Schuierer. Bilder/Text Oskar Duschinger
Kreis Schwandorf. Am 6. Februar wird Hans Schuierer, ehemaliger Landrat des Landkreises Schwandorf, 90 Jahre alt. 
In Zeiten von Corona fällt die große Geburtstagsfeier ins Wasser, nicht jedoch die Würdigung der einstigen Symbolfigur des Widerstandes gegen die WAA. 
Von unserem Gast-Autoren Oskar Duschinger

Sorgte 1986 für Aufregung: "unbestechlich", die Schuierer-Biographie.
Er, der „Unbestechliche", wie Buchautor Oskar Duschinger 1986 seine Biographie betitelte, setzt sich noch immer ein für Heimat, Recht und Freiheit. Ganz nach dem Motto: „Natur und Leben sind das kostbarste Gut, das wir Menschen haben. Wir dürfen es nicht opfern für Macht oder sonstige Interessen." 

Ein Kampf, der die Region nachhaltig prägte
Mit dieser Einstellung gelang es ihm und seinen Mitstreitern, ein gigantisches Atomprojekt (WAA) in Wackersdorf zu verhindern, das, so Schuierer, „eine Verödung der gesamten Oberpfalz zur Folge gehabt hätte". Das herrliche Oberpfälzer Seenland wäre vermutlich nicht  das, was es heute ist: Eine Erholungs- und Freizeitoase für Menschen weit über den Landkreis hinaus. 

Mit dem Film „Wackersdorf", in dem Schuierer im Mittelpunkt steht, rückte der ehemalige Landrat des Landkreises Schwandorf 30 Jahre nach dem Ende des Baus der Wiederaufarbeitungsanlage bundesweit auch in den Fokus der jüngeren Generation. Gleichzeitig erschien das Buch „Hans Schuierer – Symbolfigur des Widerstandes gegen die WAA". Noch einmal wurde die Geschichte des Widerstandes gegen die Plutoniumfabrik im Taxöldener Forst lebendig. 

Heute ist Hans Schuierer mit seinem konsequenten Eintreten für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ein Vorbild für Generationen. Für ihn ist es auch mit 90 Jahren noch ein Anliegen, die junge Generation am Beispiel der „WAA Wackersdorf" darauf hinzuweisen, wie ein Rechtsstaat aus den Fugen geraten kann. Das, so Schuierer, „ist heutzutage die Pflicht eines jeden aufrechten Demokraten".

Blitzlichter zum 90. Geburtstag
Hans Schuierer im Rückblick auf seine aufregende WAA-Zeit / Das Gespräch mit Hans Schuierer führte Oskar Duschinger

Hüttendorfräumungen
Die Rodungen waren ein Schock für mich und viele andere Menschen. Wir wollten den
 Wald schützen; die Bauarbeiter daran hindern, die vielen Bäume zu fällen. Da kamen 
die ersten Polizeieinsätze mit aller Härte. Ich kannte dieses Waldgebiet „Taxöldener
 Forst" von Kindheit auf. Es war, als wollte man mir meine heimatlichen Gefühle rauben.

Weihnachten im Hüttendorf / am Bauzaun
Wir haben dort so manche Stunde verbracht, ebenso am Marterl. Es war eine 
gemeinschaftliche Zeit, die uns emotional gefestigt hat. Ich habe in diesen Stunden
 viele Freunde getroffen, bin außergewöhnlichen Menschen begegnet. Viele dieser
 Freundschaften dauern heute noch an.

Berühmte Politiker zu Gast
Als Provinzlandrat ist das schon ein seltsames Gefühl. Ich war erstaunt, war geehrt,
dass sie zu uns / zu mir kamen: Hans-Joachim Vogel, Johannes Rau, Joschka Fischer, Petra
 Kelly sowie Schauspieler wie Karl-Heinz Böhm oder Dietmar Schönherr. Da bildete sich
 eine breite Front gegen den Bau der WAA. Helden waren für mich die unerschrockenen 
Frauen. Viele kamen jeden Sonntag zum Bauzaun, mussten für ihr friedliches 
Engagement auch noch Schläge einstecken und Tränengas einatmen.

SPD-Frontmann Dr. Hans-Joachim Vogel
Dr. Vogel war für mich in Sachen Politik ein Vorbild. Ich habe ihn sehr geschätzt, ihn 
bewundert, wie er Politik gestaltet hat. Ich war ihm dankbar für seine offene
 Aussprache. Seine Worte und seine Taten waren eins.

CSU-Innenstaatssekretär Peter Gauweiler
Herr Gauweiler machte zu jener Zeit politische Karriere, weil er bekannt dafür war, dass
 er hart durchgreifen ließ. Ich denke, gerade dieses harte Durchgreifen hat der
 Widerstandsbewegung mit zum Erfolg geholfen. Dr. Gauweiler meinte nach dem
 Baustopp in einer Diskussion, die politische Überzeugungsarbeit hätte im Mittelpunkt
 stehen müssen. Das war eine späte Einsicht.

Anti-WAA-Festival in Burglengenfeld - als Bayerns Aushängeschild bei den Salzburger Festspielen
Ich konnte 1986 leider nicht dabei sein, weil ich zur gleichen Zeit in Österreich war, bei
 der Premiere der Salzburger Festspiele. Bayerns Ministerpräsident war ausgeladen und
 ich an seiner Stelle eingeladen worden. Kurz vor der Premiere hatte F.J. Strauß 
angeordnet, den Österreichern die Einreise zu einer Demonstration in Wackerdorf zu
 verweigern. 

Ich durfte mich in Salzburg an den ursprünglich für Strauß vorgesehenen 
Platz setzen. Links neben mir saß Bundespräsident Waldheim und rechts 
Landeshauptmann Haslauer. Recht wohl habe ich mich nicht gefühlt in diesem
 erlauchten Kreis. Aber ich freute mich, Strauß Platz besetzt zu halten.

Reizgaseinsatz
Da kommt einiges in mir hoch, wenn ich diese Bilder vor mir sehe. Aus 43
 Wasserwerfern wurde Gas auf harmlose Bürger gespritzt. Aus Hubschraubern wurden
 Gaskartuschen in die Menge der Demonstranten geworfen, ohne Rücksicht darauf, wer 
sich darunter befand. So etwas sollte in einer Demokratie, einem Rechtsstaat nicht
 vorkommen.

Schuierer-Buch gestoppt
Es war jene Zeit, als die Polizeiführung und der Folge die Polizeibeamten schwer unter
 politischem Druck standen. Eigentlich eine lächerliche Angelegenheit, weshalb das
 Buch gestoppt wurde.

Das Jahr 1986
Das war schon eine sehr kritische Zeit: Die riesigen Demonstrationen, die
 gegenseitigen Pöbeleien. Was die Polizeiführung damals anordnete, war meines
 Erachtens nicht zu rechtfertigen. Da passte einfach die Verhältnismäßigkeit nicht mehr,
 wie mit Demonstranten umgegangen wurde. Ich habe mich bei den Demonstrationen 
sehr zurückgehalten, habe auch versucht, gewaltbereite junge Leute zurückzuhalten.

Kirche und WAA
Die ökumenischen Andachten am WAA-Baugelände haben mich damals nachhaltig
 beeindruckt. Ich habe auch heute noch größten Respekt vor diesen Geistlichen,
 darunter sechs bis sieben katholische Geistliche. Von den evangelischen Pfarrern
 waren praktisch alle gegen die WAA. Wenn ich an die Pfarrer Salzl, Feichtmeier,
 Schlagenhaufer usw. denke: Respekt vor ihrer Haltung und Standhaftigkeit, trotz des
 Druckes, der auf sie ausgeübt wurde. Der christliche Widerstand war zu jener Zeit für
 uns enorm wichtig. Das Marterl im Blaubeerwald war dabei ein wichtiger Treffpunkt.

Ende des Disziplinarverfahrens
Ich war fast vier Jahre lang durch dieses Disziplinarverfahren belastet, obwohl das
 Beamtenrecht sagt, dass es möglichst schnell abgeschlossen werden solle. Bei mir
 wurde es künstlich in die Länge gezogen, um mich unter Druck zu halten. Nach der
 letzten Verhandlung fiel eine riesige Last von mir. Ich wurde auf dem Haidplatz von 
begeisterten Menschen empfangen, kann mich an das Blumenmeer erinnern, das mich
 umgab. Ich spürte: Die Menschen fühlen mit dir.

Letzte Pfingstdemonstration 1989
Ich konnte anfangs nicht dabei sein, fuhr deshalb verspätet in Richtung Baugelände. 
Doch die Polizei hielt meinen Dienstwagen am heutigen Kreisel an und verweigerte mir
 die Weiterfahrt. Ich musste die Betonstraße bis zum Bauzaun marschieren. Mir als
 Landrat, der für die Sicherheit und die Sicherheitsmaßnahmen im Landkreis zuständig
 war, wurde von den Sicherheitsbeamten verwehrt, zum Ort des Geschehens zu fahren.
 Heute unvorstellbar!

Michael Meier kippt Bebauungsplan
Michael Meier war eine Symbolfigur des WAA-Widerstandes. Während eine Handvoll
 Grundbesitzer ihren Grundbesitz für viel Geld der WAA-Betreibergesellschaft DWK
 verkaufte, blieb Michal Meier standhaft. Er - der kleinste und ärmste - hielt durch, blieb
 standhaft und ließ sich nicht verlocken vom Geld. Was für ein Mensch!

Das Thema WAA in den Schulen
„Wackersdorf war über Jahrzehnte ein Tabuthema in unseren Schulen. Dabei ist
 „Wackersdorf" doch ein Musterbeispiel dafür, wie man junge Menschen für
 Zeitgeschichte begeistern kann. Zur Geschichte eines Landes, einer Region gehören
 eben auch ihre Schattenseiten. Der Film „Wackersdorf" war wie ein Türöffner. Plötzlich
 wurden Zeitzeugen eingeladen, wurde offen über das Thema im Unterricht diskutiert.

Ich kann nur sagen: Die Schüler und Schülerinnen an unseren Schulen sind wahnsinnig
 motiviert und wollen so viel wie möglich darüber wissen, was vor über 30
 Jahren in ihrer Heimat passierte.