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Generalkonservator gegen Schinak-Abriss - Landrat muss entscheiden

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Bodenwöhr. „Luftschlösser aus Beton", kommentierte ein Besucher die zehn Entwürfe, die Würzburger Architekturstudenten für die MiKe GmbH kürzlich in der Hammerseehalle vorstellten. Der Autohändler und der Betonbauer, die diese GmbH bilden, haben den 1693 erbauten Gasthof Schiessl in der Ortsmitte erworben und wollen ihn nun abreißen, um dort etwas völlig Neues zu bauen. Ob der Abriss genehmigt wird, liegt bei Landrat Thomas Ebeling. Doch vorher müssten die Investoren schon nachweisen, dass eine Sanierung des erst vor rund 20 Jahren gründlich renovierten Hauses nicht möglich sei, sagt der bayerische Generalkonservator Prof. Dipl.-Ing. Architekt Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege.

Im Bodenwöhrer Ortskern driften seit Jahren, spätestens seit der vorläufigen Verhinderung eines hoch geförderten Rathaus-Neubaus unterhalb der Kirche, Licht und Schatten massiv auseinander. Seit dem Verkauf des altehrwürdigen Gasthofs Schiessl an einen Autohändler und einen Betonbauer steht das 326 Jahre alte Haus nun besonders im Fokus der öffentlichen Betrachtung. In den nächsten Wochen wird Landrat Thomas Ebeling zusammen mit der Unteren Denkmalschutzbehörde am Landratsamt entscheiden, ob das Denkmal geschützte Haus weggerissen werden darf.

Generalkonservator Prof. Dipl.-Ing. Architekt Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, setzt sich mit seiner Behörde massiv für den Erhalt ein. Er findet, dass dem Landratsamt nicht nur Gründe fehlen, um den Daumen über dem Haus zu senken. Er äußert gegenüber dem Ostbayern-Kurier auch, dass der Kreisverwaltung sogar die Grundlagen fehlen, um über die Frage Abbruch ja oder nein überhaupt abzuwägen.


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„Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) setzt sich natürlich zunächst einmal grundlegend für den Erhalt von Denkmälern ein, so auch für den denkmalgeschützten Gasthof Schießl. Das gut erhaltene Gebäude ist aus Sicht des BLfD aufgrund seiner Größe und seines Zuschnitts auch nach Aufgabe der gastronomischen Nutzung für eine Vielzahl möglicher Nutzungen geeignet.

Ein Abriss käme daher nur dann in Frage, wenn im Zuge einer von entsprechend qualifizierten Fachleuten ausgearbeiteten Untersuchung deutlich würde, dass Schäden am Gebäude vorliegen, die einen Erhalt unzumutbar erscheinen lassen, oder dass es fachlich nicht möglich ist, eine neue Nutzung zu finden. Eine solche Untersuchung, die zudem auch die Finanzierbarkeit von Umbaumaßnahmen und ggf. mögliche Förderungen beinhalten würde, liegt allerdings bisher nicht vor.

Ohne Belege, dass für das Gebäude keine neue Nutzung gefunden werden kann oder dass es aufgrund seines Schadensbildes nicht instandsetzungsfähig ist, fehlen aber die Abwägungsgründe für die Untere Denkmalschutzbehörde, um einen Abbruch zu rechtfertigen. Aus denkmalpflegerischer Sicht gibt es keine Gründe, die einen Abbruch rechtfertigen. Der Verlust des Denkmals würde die historische Ortsmitte Bodenwöhrs zudem ganz nachhaltig beschädigen."

Generalkonservator Prof. Dipl.-Ing. Architekt Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege

Als Paul Schießl verstarb, hinterließ er den Traditionsgasthof seiner Witwe. Die verhandelte schon bald mit mehreren Interessenten. Der Gasthof mit den Fremdenzimmern darüber ist vor rund 20 Jahren saniert worden und lief bis zum Wegzug des letzten Pächters im Oktober 2017 gut. Vor allem nach der Sanierung der Ortsmitte durch die Gemeinde Bodenwöhr erfreute sich die „Piazza" vor dem Gasthof mit Blick auf Kirche und Brunnen großer Beliebtheit, sowohl von Seiten der Einheimischen als auch seitens der Touristen. Nicht umsonst wirbt auch die Gemeinde Bodenwöhr noch heute mit der Ansicht über den Platz auf das Wirtshaus. Es ist einfach eine schöne Optik.

Ganz anders las sich das im Antrag zum Abbruch, den die erfolgreichen Käufer (MiKe GmbH) von ihrem Anwalt verfassen ließen. Der Jurist schrieb im September sinngemäß an den Gemeinderat, dass sich in dieser Lage – immerhin die absolute Ortsmitte Bodenwöhrs, die der Gasthof deutlich sichtbar optisch dominiert – wegen der „demografischen Entwicklung" im Landkreis Schwandorf in Zukunft dauerhaft keine Gastronomie mehr rentieren würde. Der benachbarte und florierende Brauereigasthof Jacob sowie die ungünstiger in der Peripherie gelegenen Pizzerien mögen es anders sehen.

Eine Mehrheit des Gemeinderats schloss sich dennoch der Abbruch-Auffassung an. Eigentlich waren es aber andere Motive, die diese Gemeinderäte überzeugten. Das wurde in der Debatte der September-Sitzung deutlich. Die Einlassungen reichten von ´man wolle den Investoren doch keine Steine in den Weg legen´ über „endlich rührt sich was im Ortskern" bis hin zur Befürchtung, dass die MiKe GmbH den Gasthof im Falle einer Nicht-Genehmigung aus Trotz verfallen lassen würde. Alle Gemeinderäte – mit einer Ausnahme –, die für den Abriss stimmten, stammen pikanterweise aus den Ortsteilen der Gemeinde. Für den Abriss sprachen sich alle anwesenden CSUler, ein SPD-Mann und mit einer Ausnahme sämtliche Freie Wähler aus.

Die Gegner des Abrisses führten vor allem ins Feld, dass der Gemeinderat den Unternehmern keinen Freifahrtschein ausstellen sollte, ohne vorher zu wissen, was denn überhaupt dorthin gebaut werden soll. Die Investoren – das wurde auch bei der Präsentation besagter Beton-Luftschlösser deutlich – setzen vor allem darauf, dass sich die Gemeinde breit schlagen lässt, in ihren wie auch immer gearteten Neubauten das dringend benötigte Rathaus zu integrieren. Diese Eingliederung würde – egal, ob die Gemeinde anschließend kauft oder mietet – den Unternehmern eine sichere Einnahme von einem zwar bereits hoch verschuldeten, aber niemals Konkurs gehenden Kunden bescheren.

„Wir bauen euch das hin, was die Gemeinde haben will", werden die Investoren zitiert. Die Option, den Denkmal geschützten Gasthof dabei zu integrieren und zu erhalten, lassen sie dabei aber eben nicht zu. Dafür überplanen sie auch in den Studenten-Entwürfen – die ja nach den Vorgaben der Investoren entstanden sein dürften – das eine oder andere Gebäude in der Ortsmitte gleich mit. Gebäude, die den Investoren gar nicht gehören und nach Informationen des Ostbayern-Kuriers auch nicht zum Verkauf stehen.

Im Gegenteil, dort entsteht gerade etwas Neues: Im Nebengebäude der betroffenen Bäckerei kommt nun wohl endlich die lang ersehnte Eisdiele, die den Ortskern nachhaltig beleben und aufwerten dürfte. Also keine Rede von Verkauf und Abriss. Dabei hatten bereits in der September-Gemeinderatssitzung etliche der Abriss-Genehmiger geäußert, sie gingen davon aus, dass die MiKes mit Bäckerei und Sparkasse handelseinig seien und – wie vom Autohändler zugesagt – der komplette Bereich Ortsmitte überplant würde.

Schmankerl am Rande: Bis zur Genehmigung der Eisdiele im bestehenden Gebäude, wo bis vor kurzem die Gärtnerei untergebracht war, verging beinahe ein Jahr. Die Abrissgenehmigung für den Gasthof Schiessl bekamen die Investoren von der Gemeinde innerhalb weniger Wochen. Die Entscheidung des Landratsamtes dürfte spätestens Mitte April fallen, sagte Behördensprecher Hans Prechtl auf OK-Nachfrage. Also nur rund ein halbes Jahr nach Antragseinreichung. Prechtl bestätigte gegenüber dem OK, dass nicht nur die Stellungnahme des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege strikt gegen den Abriss des Gasthofs ausgefallen sei, sondern auch die des Kreisheimatpflegers Theo Männer aus dem benachbarten Neunburg.

Die nachfolgende Bildergalerie zeigt anhand des Beispiels "Alte Seilerei" in Neunburg, dass auch ein Denkmal geschütztes Haus (das vor der Sanierung wesentlich maroder gewesen sein dürfte als der Gasthof Schiessl heute) wirtschaftlich in eine schmucke Gastronomie umwandelbar ist (Bauherr Alois Feldmeier, Bodenwöhr).

Nun also die besagte Präsentation der Studenten. Über Maße und Ausmaße war eher wenig zu erfahren. Klar ist: Es geht um Beton. Viel Beton, teilweise 3- oder 4-stöckig, meist mit einem – obwohl von der Gemeinde bislang nicht beauftragten – integriertem Rathaus. Inhaltlich orientieren sich die Entwürfe mehr am Vorstellbaren denn am Machbaren. Eine untergeordnete Rolle spielen bei der Mehrzahl der Entwürfe die Bedürfnisse der Bevölkerung. Auch, dass sich mit den neuen FischerHaus-Gärten, einem rund 1 Hektar großen Park direkt im Anschluss an das Gasthof-Gelände, völlig neue touristische Synergien auftun würden, berücksichtigen die Entwürfe nicht. Hier sind sie im Groben nacherzählt:

1. Individuelles und kollektives Wohnen mit Gastronomie (die rentierte sich nach Anwaltsangaben an dieser Stelle aber gar nicht…) und Geschäften (keine Überlegungen zum Was und Wer), Tiefgarage

2. Hochschule für Ernährungswissenschaft und Astronomie (eine Bedarfsanalyse, ein Träger oder Gedanken zur Machbarkeit fehlen hier)

3. Mehrgenerationenhaus

4. Lehrwerkstatt für Handwerk und Industrie

5. Internat

6. Markthalle / Wohnen / Gründerzentrum

7. Gesundheitszentrum (In Bruck gibt´s ein neues Ärztehaus, Ärzteniederlassungen sind streng nach Sprengeln reglementiert)

8. Modulares, interaktives Wohnen für wechselnde Zielgruppen

9. Kompetenzzentrum für Coworking

10. Forschungsstätte „Feldwende" (Think-Tank für Wende in der Agrarwirtschaft)

Öffentlich zugängliche Bilder zu den Entwürfen gibt es nach Kenntnis unserer Redaktion bislang nicht. Auch die in der regionalen Tageszeitung versprochene Bildergalerie im Netz ist nicht zu finden.

Bürgermeister Georg Hoffmann gehörte von Anfang an zu den Befürwortern des Abriss-Plans. In besagter September-Sitzung, als Bürgerlisten-Sprecher Alois Feldmeier darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die Bäckerei gar nicht zum Verkauf stehe, hatte er dessen Worte angezweifelt. Zweiter Bürgermeister Albert Krieger, der die Sitzung damals leitete, hatte darauf gedrängt, den Abriss sofort zu genehmigen, ohne diese strittige Frage vorher zu klären. Hoffmann und seine CSU-Fraktion hatten sich dieser Meinung angeschlossen.

Nun postete Bürgermeister Hoffmann aber dieser Tage einen Link zu einem Film in der Mediathek des Bayerischen Fernsehens. Da geht es um das Sterben der Ortskerne auf den Dörfern und darüber, wie etliche ausgewählte Dörfer dagegen vorgegangen sind und vorgehen. Der Film dauert eine dreiviertel Stunde und liefert kein Patentrezept. Manchmal widersprechen sich die Bürgermeister der verschiedenen Orte auch gegenseitig. Etliche Erkenntnisse der Protagonisten lassen sich aber herauslesen.

  • Eine Eisdiele im Zentrum ist ein belebendes Element
  • Die Gemeinden haben vor einer positiven Entwicklung im Kern die Grundstücke stets selbst gekauft und selbst bestimmt, was darauf gebaut werden darf.
  • Bäcker und Metzger gehören in den Ortskern, bzw. müssen erhalten bleiben
  • Man kann nicht gleichzeitig innen und außen entwickeln (genau das plant besagter Autohändler aber gerade in Bodenwöhr – Neugestaltung der Ortsmitte und Bau eines Nahversorgungszentrums im Wald zwischen Bodenwöhr und Blechhammer)
  • Ein Discounter braucht 5000 Einwohner (die Gemeinde Bodenwöhr hat nur 4.300, dazu einen bestehenden Vollsortimenter, und viele der 4.300 Seelen orientieren sich zum Einkaufen nach Neunburg oder Schwandorf)
  • Ein Nahversorgungszentrum außen ist schlecht für einen lebendigen Ortskern
  • Ein Ortskern braucht etwas Einzigartiges
  • Einen Markt aufzuziehen, ist schon für größere Ortschaften sehr schwierig
  • Wenn eine Gemeinde zu schnell wächst, gibt es am Ende nur noch Neubürger, die die Gemeinde nur zum Schlafen nutzen (verfehlte Siedlungspolitik)
  • Eine Gemeinde muss versuchen, ihr Gesicht zu behalten
  • Ohne Restaurant und öffentlichen Treffpunkt in der Mitte ist der Bürger im Alter verloren
  • „Wir entwickeln, was Sie wollen" klappt mit Investoren nur, wenn die Gemeinde im Vorfeld den Hut auf hat.

HIER GEHT´S ZUM FILM IN DER BR MEDIATHEK


Allen Erkenntnissen und Stellungnahmen zum Trotz hängt nun viel, wenn nicht alles vom Landrat ab, was die Zukunft des Bodenwöhrer Ortskerns betrifft. Der Gemeinderat hat seine Trümpfe freiwillig aus der Hand gegeben. Würde Thomas Ebeling den Abriss nun genehmigen, würde die Gemeinde endgültig erpressbar. Bauplanrechtlich hat sie im Abriss-Fall jedenfalls so gut wie keine Möglichkeit mehr, auf das, was da kommen soll, Einfluss zu nehmen.

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