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Predigt zum 110. Jubiläum der Kirchweihe in Neunburg vorm Wald am 28.10.2016

Predigt zum 110. Jubiläum der Kirchweihe in Neunburg vorm Wald am 28.10.2016

9 Minuten Lesezeit (1864 Worte)

Liebe Gemeinde,

vor 10 Jahren beim hundertjährigen Jubiläum dieser Kirche war ich auch schon dabei und habe damals mit Ihnen gerne mit gefeiert. Wie gesagt – 10 Jahre liegen dazwischen, mit schönen Ereignissen wie der Ordination von Bruder Beck, mit schwierigen Ereignissen wie einem Gemeindekonflikt, der auch mir ziemlich an die Nieren gegangen ist. Viel Gutes hat sich gehalten – das Schwierige scheint vorüber! Dafür danken wir Gott und lassen in uns die Überzeugung stark werden, dass er uns bewahrt hat:

- die lutherische Gemeinde in Neunburg vorm Wald

- die Menschen, die zu ihr gehören

- die Menschen, die sich für sie einsetzen

Vor 10 Jahren habe ich noch von den Reisepredigern erzählt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der bayerischen Diaspora kräftig unterwegs waren und mit einem auch körperlich ganz hohen Einsatz die Sammlung der evangelischen Christen in der Oberpfalz, in Niederbayern, in Oberbayern und andernorts auf den Weg brachten. Die Geschichte ist weiter gegangen und Mobilität ist gerade auch für uns hier in Ostbayern nichts besonderes mehr - die Pfarrer, die Lehrer und auch der Regionalbischof sind gut unterwegs heute, oft mit Automobilen, die in dieser Region gebaut wurden und es ist für uns einfach leichter die Gemeinde zu besuchen und zu erreichen als für unsere Vorfahren. Doch unsere Kirchen atmen noch viel von dem früheren Geist, von dem Bedürfnis von weither zusammenzukommen, einen schönen, halbwegs warmen, wenn auch einfachen Gottesdienstort anzutreffen, an dem man seine evangelischen Glaubensverwandten trifft und mit Ihnen singt und betet.

Für Menschen mit diesem Anliegen hat der Architekt Lichtblau aus München den Gottesdienstraum geschaffen, in dem wir heute feiern. Unsere Kirche steht für über 100 Jahre evangelisches Gemeindeleben an diesem Ort und für den treuen Glauben und das ausdauernde Gottvertrauen vieler Menschen. Daran gilt es heute dankbar zu denken und Gott dafür zu loben, dass er die hiesige Gemeinde durch die Jahre geführt hat. Wir feiern heute dieses Gotteshaus - einen Ort, an dem Sonntag für Sonntag Menschen zusammenkommen, herausgerufen aus ihrem alltäglichen Leben, bereit sich von Gottes Wort etwas sagen zu lassen für ihr Leben.

Bei aller mittlerweile gewachsenen ökumenischen Gesinnung feiern wir in evangelisch-lutherischer Weise, heute besonders - in den Tagen, in denen wir der Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern durch Martin Luther gedenken. Luther war in seinem theologischen Denken und seinem geistlichen Fühlen ganz stark durch den Apostel Paulus beeinflusst. Von dem stammt der heutige Predigttext: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.

Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben."

Liebe Gemeinde, die Reformation hat einerseits zur Trennung eines Teils der christlichen Kirchen beigetragen. Sie zum alleinigen Grund für die Trennung der westlichen Christenheit zu machen, verkennt die kirchlichen, geistigen und politischen Gegebenheiten des 16. Jahrhunderts. Die Reformation hat zur Entstehung einer höchst respektablen Form kirchlichen Lebens geführt, vielen evangelischen Christen ist auch heute ihre Kirche ein prägender und sehr lieber Ort ihrer Gottesbegegnung. Die Reformation ist auch an der römisch-katholischen Kirche nicht spurlos vorbeigegangen und hat in ganz erheblichem Maße in ihr eine Reform von Theologie und Kirche ausgelöst. Problematisch ist, dass sich im Laufe dieser Prozesse ganz verschiedene kirchliche Wege ausgeprägt haben, die zu nicht wenig Entfremdung voneinander geführt haben. Etliche Theologen arbeiten daran, dass das gemeinsame Verstehen und Hören des Evangeliums Christen aus den verschiedenen Kirchen bereichert und ihren Horizont für das Geschenk des christlichen Glaubens erweitert. Da gibt es sehr viel dankbar zu erzählen.

Vor 17 Jahren, am 31. Oktober 1999, wurde in Augsburg die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre der römisch-katholischen Kirche und der Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes durch die Unterzeichnung der Gemeinsamen offiziellen Feststellung besiegelt. Ich habe dieses Ereignis damals am Fernseher mitverfolgt und war bewegt als sich Pfr. Ishmael Noko vom Lutherischen Weltbund und Bischof Kasper (jetzt Kardinal) von der römisch-katholischen Kirche nach Unterzeichnung der Dokumente umarmten. Ein für alle beteiligten Kirchen wichtiges Ereignis kam mit der richtigen Geste in die Medien – ein gutes Zeichen in einer Zeit, die von öffentlichen Symbolen lebt. Durch solche Gesten wird vieles verständlicher, was ausführliche Informationen höchstens in Ansätzen begreifbar und spürbar machen können.

In besagter offizieller Feststellung heißt es am Schluss: „Lutheraner und Katholiken werden ihre Bemühungen ökumenisch fortsetzen, um in ihrem gemeinsamen Zeugnis die Rechtfertigungslehre in einer für die Menschen unserer Zeit relevanten Sprache auszulegen, unter der Berücksichtigung der individuellen und der sozialen Anliegen unserer Zeit."

Mein Eindruck aus der Gemeindeseelsorge: Es bedarf vieler ökumenischer Bemühungen, um das Anliegen der Rechtfertigungslehre in den Köpfen und den Herzen der Menschen zu vertiefen. Viele Christen – ob evangelisch oder katholisch – wissen nicht so recht, was mit der Rechtfertigungslehre gemeint ist.

Zur Rechtfertigungslehre schreibt Paulus: „Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist."

Wie lässt sich solches Denken und Fühlen vertiefen, wie kann man davon so erzählen, dass es Menschen im Innersten bewegt und frei macht? Da braucht es gute Ideen, eine möchte ich vorstellen.

1991 hat der fränkische Pfarrer Heinrich Weniger mit seinen damaligen Konfirmanden das sogenannte „Mühlhäuser Konfirmandenbüchlein" herausgebracht. Da steht - handschriftlich geschrieben – für jeden Tag ein Vers oder ein Zuspruch aus der Bibel und eine Art Lebenserfahrung. Letzteres kann ein Liedvers aus dem Gesangbuch sein, ein Gedicht von Mörike oder Brecht, ein Lied von Bettina Wegner oder John Lennon, ein Kinderreim oder ein fränkischer Kirchweihvers. Das Anrührende an diesem Buch ist nicht nur das breite Spektrum von hilfreichen und tröstlichen Gedanken. Mich bewegt, wie die Texte in ganz verschiedenen Handschriften wiedergegeben sind. Ich spüre, wie wichtig denen, welche diese Texte abgeschrieben hat, die Worte und Gedanken sind, die sie da fein säuberlich übertragen haben.

Ein Beispiel daraus. An ihm kann man sehen, wie der Rechtfertigungsgedanke heute Menschen betreffen und beschäftigen kann.

Zuerst das Jesus-Wort aus Lk 6: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?"

Dazu ein Liedvers (EG 412,6): „Vergibst mir täglich so viel Schuld, du Herr von meinen Tagen; ich aber sollte nicht Geduld mit meinen Brüdern tragen, dem nicht verzeihn, dem du vergibst, und den nicht lieben, den du liebst?"

In diesen Worten kommt schön zum Ausdruck, dass die freisprechende Gnade Gottes nicht nur mich und mein Verhältnis zu Gott betrifft, sondern auch meine Beziehung zu andern Menschen. Ihnen kann ich wünschen, was ich mir für mich selbst wünsche.

Wir haben so viel gute Worte die uns im Leben helfen können, in der Bibel, im Gesangbuch, in der Literatur, in der Unterhaltungsmusik. Es ist eine Kunst, solche Worte zusammenzubringen, so dass sie sich gegenseitig erklären, etwas deutlicher machen, das Herz und den Verstand erreichen. Dann wird aus der Rechtfertigungslehre in den ökumenischen Papieren der Rechtfertigungsglaube, der Menschen bewegt. Ganz wichtig an diesem Beispiel der Glaubensvermittlung ist mir das Vertrauen darin, das gute Worte das Herz aufschließen und dem Denken eine neue Richtung geben können. Wir brauchen immer wieder Worte und Geschichten des Glaubens, die uns die Schätze der Erfahrung aufschließen, die uns unsere Vorfahren im Glauben hinterlassen haben.

Hier in Neunburg vorm Wald – wie in vielen anderen Gemeinden – macht man sich Gedanken über die Zukunft der Gemeinde: Wie gestalten wir die religiöse Sozialisation der Kinder im Elternhaus und im Kindergarten? Wie vermitteln wir Schülern und Konfirmanden das nötige Wissen über den christlichen Glauben? Wie ermöglichen wir hinzugekommenen oder noch fernstehenden Menschen in unserer Umgebung einen Zugang zu unserer Gemeinde? Wie gestalten wir unsere Gottesdienste und wie erreichen wir, dass in ihnen durch Wort, Gebet und Musik Gott die Ehre gegeben wird und Menschen Trost, Orientierung und Gemeinschaft finden? Was unternehmen wir dafür, dass die Menschen, die Seelsorge brauchen, wirklich Seelsorge erfahren?

Um solche und andere Überlegungen zukunftsgewandt und fröhlich anstellen zu können, brauchen wir Geschichten vom Glauben anderer Menschen, die unserm Glauben Ermutigung und neue Bewegung geben. Unserer früherer Landesbischof hat kurz vor seinem Tod in einem Zeitungsartikel zur Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade eine schöne Geschichte aus Afrika erzählt:

„Ein Missionar fragte eine alte, erst kürzlich getaufte Christin, die im Sterben lag, ob sie sich nicht vor dem Tod fürchte. „Nein", sagte sie, „ich habe ja die Rechtfertigung!" Der Missionar fragte weiter: „Was verstehst du unter der Rechtfertigung?" Erstaunt über diese Frage sah die Frau ihren Lehrer an. Dann antwortete sie: „Wenn ich vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen muss, dann bitte ich den Heiland, dass er mit mir kommen möge; ich verstecke mich dann so hinter ihm, dass Gott mich gar nicht sehen kann, sondern nur Jesus statt meiner ansieht; und wenn er mich etwas fragt, so stehe ich hinter Jesus, schweige und warte, was er für mich antworten wird."

Solche Glaubensgeschichten werden heute aus den lutherischen Kirchen in der 3.Welt erzählt. Die Begeisterung für diese Art, christlich zu glauben ist dort vielerorts sehr groß. Ich spüre aus ihr viel befreite Fröhlichkeit. Befreite Fröhlichkeit können wir alle brauchen. Christus im Rücken zu wissen und sich mit ihm durchs Leben zu trauen, dafür braucht es ein gerüttelt Maß an Vorstellungskraft und an gläubigem Vertrauen. Befreite Fröhlichkeit macht es möglich, ohne Erwartungen an andere Menschen Liebe zu geben, frei und ungezwungen, ganz aus dem Herzen. Befreite Fröhlichkeit, die hilft einem, sich nicht vor anderen beweisen zu müssen und dabei auf merkwürdige Gedanken zu kommen. Befreite Fröhlichkeit, die hilft einem sich zu nehmen wie man ist und dennoch an sich zu arbeiten und etwas dafür zu tun, dass die Menschen, die mich umgeben, mir freundlich begegnen. Befreite Fröhlichkeit wünsche ich uns. Christus will sie uns schenken.

Diese befreite Fröhlichkeit kann sogar so weit gehen, dass wir es verstehen und ertragen lernen, wenn unsere Kirche in bestimmten Regionen an Bedeutung verliert und andere Konfessionen und Kirchen stärkeren Einfluss als bisher gewinnen. Wenn Sie den Christus ehren, der solches schenkt, dann dürfen wir Ihnen eine gute Zukunft wünschen und sei sie auch erfolgreicher als die unsere.. Wenn Christus in allem verherrlicht wird, dann stellt sich nicht die Frage von wem, sondern die Frage ob das geschieht. Wenn das geschieht ist alles recht. Christus wird bleiben, nicht bestimmte Konfessionen und Kirchen – das sollte uns zuversichtlich stimmen und bestimmte Verkrampfung abbauen helfen.

In diesem Sinne auf zu den nächsten evangelischen Jahren in Neunburg vorm Wald. Amen.


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